Der Peoples Blog

"...all you need is love"

Wirtschaft ist kein Kindergarten. Da geht‘s um Marktanteile, Disruption, KI und die Chinesen, kurz: ums Ganze. Klare Sache, dass hier klare Führung gefragt ist. Da braucht es Befehlsketten und Marschrouten, da muss jeder wissen, wo sein Platz ist und wer das Sagen hat. So eine verkiffte Hippie-Botschaft von wegen „Love“ und so, die hilft da nun wirklich nicht weiter, oder?
Wäre da nur nicht diese Fernseh-Aufnahme der Beatles von „All You Need Is Love“ aus dem Sommer 1967. Ein fünfzig Jahre altes Popkultur-Monument, vor allem aber: ein feiner, meisterhafter Kommentar zum Thema Führung.
Das Meisterhafte beginnt mit der Ansage des Chefs, in diesem Fall: von John Lennon. Die Ansage ist sein Songtext, der von vornherein aller Arroganz und Eitelkeit der Macht lächelnd den Saft abdreht: „Nichts was du kannst, kann sonst keiner. Nichts was Du machst, macht sonst keiner. Nichts was Du weißt, weiß niemand sonst“ singt der ungekrönte König der globalen Love-and-Peace Bewegung, der eine Halbgott der Popkultur, während der andere Halbgott, Paul McCartney, die zweite Stimme trällert und ansonsten das macht, was John und George Harrison auch machen: auf die Komfortzone pfeifen. Paul spielt nämlich Kontrabass. Kann er das? Nein, kann er nicht. Aber George Harrison kann ja auch nicht Geige spielen und spielt sie trotzdem, kongenial zu John Lennons Cembalo-Geklimper. Cembalo? Genau, das war bis dahin reserviert für sakrale Erbauungsmusik und barocke Cocktailparties. Aber es ist Flower-Power angesagt und, hey, „…da kamen ein paar lustige Geräusche bei raus.“ wird Lennon später sagen. Das – und ein Welthit.

Was das mit Führung zu tun hat? Alles.
„Nothing you can do that can’t be done?“ „Nichts, was Du kannst, kann sonst keiner“? Angstfreier und uneitler als John und Paul, weiter entfernt vom Herrschaftswissen Druck machender Chefs kann man ein globales Multimillionen-Dollar-Imperium nicht führen. Diese Bosse der Popkultur erlauben sich, zu improvisieren und Ideen einfach in den Raum hinein- und genau so locker auch wieder hinauszuwerfen – wunderbarer alter Wein, der heute in neue Schläuche namens Agilität gefüllt wird. Die Beatles waren damals ihrer Zeit weit voraus. Heute wissen wir: erfolgreiche Teams und Unternehmen brauchen genau das. Chefs, die nicht von der Kanzel den Kurs des geringsten Risikos zum Ziel des makellosen Ergebnisses befehligen, sondern Persönlichkeiten, die „better done than perfect“ leben und Freiräume eröffnen, weil sie sich selbst in Freiräumen wohl fühlen.


Die Beatles wussten all das, man sieht es jeder Sekunde der Fernsehübertragung an. „All You Need Is Love“ war ja kein kleines Projekt: Saxophone, Streicher, Posaunen, Trompeten, ein Akkordeon, alle steuern ihren Teil zur Magie des Songs bei, gefeiert von einer begeisterten Menge, die im Studio lauthals mitsingt. Und genau dieses Team, dieser Freundeskreis, der zu Füßen der Fab Four und doch auf Augenhöhe mit ihnen da sitzt, ist vielleicht das Großartigste an der Performance. Denn da sitzt nicht irgendwer singend auf seinem Hosenboden, da sitzen: Mick Jagger, Eric Clapton, Marianne Faithful und noch ein paar andere Superstars. Ist eigentlich logisch, wenn man mal drüber nachdenkt: Wer sich selbst nicht für den einzigen Einzigartigen hält, neben dem ist halt Platz für jede Menge andere einzigartige Menschen und ihren einzigartigen Beitrag fürs Team. Dazu noch ein bisschen „love“,  aka Achtsamkeit, Freundlichkeit, Rückgrat für die, die den Laden rocken, den Kabelträger, der entspannt im Hintergrund lauscht und den älteren Herrn mit der Barocktrompete, der ganz zum Schluss ein paar fulminante Takte Bach aufs Band trillert – fertig ist ein Führungskonzept, wie es zeitgemäßer nicht sein könnte.

Was wir uns für 2020 wünschen? Dass wir alle einmal kurz innehalten und überlegen, wer wir in diesen algorithmischen, chinesischen, aufregenden Zeiten sein wolHohepriester der Hierarchie, samt vorgetäuschter Allwissenheit und hundert erprobten Wegen, Druck zu machen? Oder doch lieber die Beatles?

Wir freuen uns auf weiterhin intensive und vergnügte, freundschaftliche und gelassene Gespräche jenseits aller Hierarchien und Algorithmen und wünschen Ihnen und Euch ein friedvolles, entspanntes Weihnachtsfest – und ein erfolgreiches neues Jahr!

 

 

 

Zurück zur Übersicht