Der Peoples Blog

"...bridge over troubled water..."

Paul Simon ist unzufrieden. Und irritiert. Normalerweise feilt er über Monate an seinen Songs, bis jeder Ton, jedes Wort sitzt. Meisterwerke wie „Mrs. Robinson“ und „Scarborough Fair“ sind so entstanden. Aber dieser Song ist anders. Ganz anders. „Auf einmal war diese Idee da. Ich hatte keine Ahnung, wo diese Worte und die Melodie hergekommen waren.“ Und ein Meisterwerk ist das Stück auch nicht: zu schlicht die Musik, zu simpel das Thema. Was ist schon Kalenderblatt-Lyrik zum Thema „Freundschaft“ gegen die düsteren Visionen von „Sound of Silence“ oder die schonungslose Beichte aus „The Boxer“.

Der Produzent allerdings ist begeistert und will diesen Song unbedingt auf dem neuen Album haben, das Simon und Garfunkel gerade aufnehmen. Es ist das Jahr 1969 und an „troubled water“ herrscht in den USA kein Mangel: Der Vietnamkrieg zerreißt das Land, Rassenunruhen toben in den Städten, seit Martin Luther Kings Ermordung ist nur ein Jahr vergangen.
Und vielleicht ist es genau diese Schlichtheit, die diesen Song zu einem Instant Classic macht. Keine politischen Botschaften, keine Appelle, einfach nur: „I´m on your side when times get rough“. Und es ist, als hätten alle auf diesen Song gewartet: Er steht wochenlang an Nummer 1, gewinnt vier Grammys und erobert Rang 47 auf der Rolling-Stone-Liste der besten Songs aller Zeiten. Art Garfunkel, der ihn ganz einfach, fast schlicht singt, wird noch Jahrzehnte später darüber staunen, was für eine Wirkung diese Melodie auf ein Konzertpublikum ausübt.

Unsere „Troubled Waters“ am Ende des Corona-Jahres 2020 sehen ganz anders aus als damals. Das Land tobt nicht, es ist gelähmt. Isoliert unter Lock- und Shutdowns, verborgen hinter Masken, verängstigt vom Husten des Abteilnachbarn und ansteigenden Kurven in der Tagesschau gehen wir nicht auf die Straße, sondern verkriechen uns ins Homeoffice.
Dort, immerhin, sehen und sprechen wir uns dann doch noch, Zoom, Teams und Co sei Dank. Und plötzlich wird – weil wir immer weniger private Kontakte haben – der Job zur wichtigsten menschlichen Verbindung außerhalb unserer eigenen vier Wände, zur wichtigsten Brücke nach draußen.
So wackelig und verpixelt diese Brücke auch sein mag, so akustisch anstrengend und visuell distanziert: sie wird immer wichtiger, je länger die Pandemie dauert. Denn sie ist unsere einzige Chance, aufeinander aufpassen zu können. Und genau das sollten wir jetzt tun, mehr denn je: aufeinander aufpassen. Indem wir dem sehr realen, sehr lebendigen menschlichen Wesen hinter den schlecht ausgeleuchteten Quadratzentimetern der Webcam-Übertragung unsere volle Aufmerksamkeit schenken. Indem wir einander zuhören, ins Gesicht schauen, nachfragen auch und gerade jenseits des Jobs.

Und indem wir es nicht bei Aufmerksamkeit belassen, sondern alles tun, immer wieder eine reale „Bridge over troubled water“ zu bauen. Vielleicht, indem wir ein Päckchen schicken mit den alten Spiderman-Comics aus dem Keller oder der Blaubeer-Marmelade, die man eben nur in Bochum bekommt und die perfekt passt, „when you´re weary“. Vielleicht, indem wir für jemanden eine Playlist der Songs zusammenstellen, die uns gerade selbst helfen, „when evening falls so hard“. Oder einfach indem wir die Bemerkung unserer Kollegin über ihren kranken Hund im Call nächste Woche noch erinnern – und nachfragen.

Nichts davon muss perfekt sein. Das war „Bridge over troubled water“ auch nicht. Aber es sind genau diese kleinen Brücken zwischen uns, die den Unterschied machen werden in den nächsten Monaten – wir müssen sie nur füreinander bauen.

Wir freuen uns darauf, mit Ihnen und Euch auch in 2021 wieder Brücken bauen zu dürfen und wünschen ein friedvolles Fest – und ein erfolgreiches neues Jahr.

 Herzliche Grüße

 Dagmar Hübner & das Team von The People Business

 

 

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